Die Weser

Der Weserraum - Seine Geschichte

Zur Geschichte des Weserraums

von Hans Nordsiek

Im Jahre 1797 veröffentlichte Friedrich Schiller in seinen Xenien auf deutsche Flüsse auch ein Xenion auf die Weser: "Leider ist von mir gar nichts zu sagen, auch zu dem kleinsten Epigramme, bedenkt, geb' ich der Muse nicht Stoff".
Wie kam es, daß dem Dichter der deutschen Klassik, dem Jenaer Geschichtsprofessor und Bildungsbürger Schiller, nichts zum Stichwort "Weser" einfiel, das er zum Inhalt eines Epigrammes hätte machen können?

Sicherlich waren es die territoriale Zersplitterung des Weserraumes und ein landespolitisches Desinteresse der Fürsten an dieser Flußlandschaft, die dazu beitrugen, daß die Geschichte und Kultur dieser Region nicht im Bewußtsein der allgemeinen Öffentlichkeit in Deutschland waren. Wer gar die ursprüngliche Einheit des gesamten Weserraumes und das Kulturprofil erfassen will, muß sich tatsächlich weit zurück in die Frühzeit der deutschen Geschichte begeben.


Ein Blick in die Vergangenheit

Die Weserregion spielte politisch-militärisch schon in germanisch-römischer Zeit eine besondere Rolle, als nämlich hier im Raum der mittleren Weser die Cherusker unter ihrem Führer Arminius 9 n.Chr. drei Legionen des römischen Feldherrn Varus vernichteten. Diese Niederlage sollte der Anfang vom Ende der römischen Expansion in Germanien mit dem Ziel der Elbgrenze sein. Daran änderten auch die Rachefeldzüge des römischen Feldherrn Germanicus 14 bis 16 n.Chr. und die Schlacht bei Idistaviso (16 n.Chr.) am Wesergebirge nichts.

Nach der Völkerwanderungszeit bewohnten die Sachsen den Raum zwischen Rhein und Elbe. Sie traten erstmalig 775 als Ostfalen, Engern und Westfalen in ihren Kriegen gegen die Franken in das Blickfeld Karls des Großen. Das Herzstück des sächsischen Stammesverbandes war die "Provincia Angaria", die "Heerschaft" Engern. In groben Zügen umfaßte Engern das mittlere Drittel der sächsischen Siedlungsgebiete, das Einzugsgebiet der Weser vom Zufluß der Diemel flußabwärts bis zum Küstengebiet unterhalb Bremens, das von Friesen besiedelt war. Zu Engern gehörten im Südwesten auch noch der Raum um Korbach und Medebach und im Nordosten das Gebiet der unteren Aller und Leine.

Ebenso wie die "Heerschaften" Westfalen und Ostfalen stellte auch Engern nicht nur ein Stammesgebiet, sondern auch eine politische Einheit dar, weil es ein gesamtsächsisches Herzogtum im 7./8. Jahrhundert nicht gegeben hat. Engern, das sächsische Stammesgebiet beiderseits der Weser, gliederte sich wiederum in zahlreiche Gaue unterschiedlicher Größe, die als Siedlungsräume zugleich die Grundlage für seine politische Organisation waren.

In Engern lag auch jenes berühmte Marklo, wo sich die Abgesandten aller drei sächsischen Teilstämme zum "Generalkonvent" zu versammeln pflegten. Marklo wird von der Forschung in zentraler Lage Engerns, nämlich in der Landschaft am großen Weserknie, südlich der Porta Westfalica vermutet. Als aber Karl der Große den Sachsen 782/783 öffentliche Volksversammlungen verbot, war es mit dem politischen Eigenleben sowohl der Engern als auch der anderen Teilstämme bald vorbei.

Nach der Eroberung des engrischen Gebietes an der Ober- und Mittelweser durch Karl den Großen war dieser Raum nur noch militärisches Aufmarschgebiet für die Kämpfe der Franken an der unteren Weser und Elbe. Von den sächsischen "Heerschaften" Engern, Westfalen und Ostfalen ist im 9. Jahrhundert schon nicht mehr die Rede.


Der Zerfall Engerns

Der politische Zerfall Engerns wurde zu Beginn des 10. Jahrhunderts eingeleitet; seitdem gab es politische Interessen von Dynastenfamilien über die Grenzen Engerns hinweg, die der Einheit des Raumes Engern entgegenstanden. Mehr noch: Seit dem 12. Jahrhundert kam der Name Engern außer Gebrauch, so daß auch das Bewußtsein der Zeitgenossen von der Einheit Engerns, des Raumes beiderseits der Weser, allmählich verschwand. Dagegen konnte sich der "Raum Westfalen" nun nach Osten bis zur Weser ausdehnen. Das Gebiet östlich der Weser wurde nun unter Verlust des Namens Ostfalen zu einem "neuen" Sachsen.

Aber die Auflösung Engerns und seiner Eigenständigkeit zeigte sich nicht nur im Verlust des Namens sondern z.B. auch in der Entwicklung des Münzwesens im Weserraum. Die Münzstätten Corvey, Herford und Minden ahmten im 11. Jahrhundert in ihren Münzen gleichzeitig sowohl westfälische als auch (nieder)sächsische Münzbilder nach.

Seit dem 12. Jahrhundert begannen im Weserraum zahlreiche Grafen- und Edelherrengeschlechter aus der Anonymität herauszutreten. Hatten sie bisher Grafschaften für die Herzöge von Sachsen verwaltet, so entwickelten sie nun dynastische Eigeninteressen. Zu diesen Geschlechtern gehörten u.a. die Grafen und Edelherren von Büren, von Schwalenberg, von Sternberg, von Everstein, zur Lippe, vom Berge, von Schaumburg, von Wölpe, von Diepholz, von Hoya und von Stade.

Eine jeweils eigene Politik wurde zunehmend aber auch an den zu Engern gehörenden Bischofssitzen Paderborn, Minden, Verden und Bremen getrieben, die ebenfalls zum politischen Zerfall Engerns beitrug. Die nach 1115 mit Namen bzw. Herkunftsbezeichnungen auftretenden Grafen und Edelherren lassen erkennen, daß sie sich jetzt räumlich gebunden fühlten und ihre Stammsitze als Ausgangspunkte ihrer territorialen Bestrebungen verstanden. Zudem besaß Engern, dessen führendes Geschlecht, die Billunger, mit Herzog Magnus 1106 ausstarb, in der Zeit der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert keine Herrscherpersönlichkeit, die mit ihrer Überlegenheit und Machtfülle hätte großräumige Territorialpolitik betreiben können. Gerade der mittlere Teil Engerns zerfiel in eine Anzahl kleiner selbständiger Grafschaften und Herrschaften. Bemerkenswert ist aber, daß sich die meisten der oben genannten, bislang engrischen Herrschaftsbereiche nun Westfalen zuwandten. "Westfälisch" waren auch das Bistum Paderborn und der südwestliche Teil des Bistums Minden geworden.

Im Spätmittelalter schoben sich im Ober- und Mittelweserraum von Westen die Hochstifte Paderborn und Minden, von Osten die Fürstentümer der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg und von Süden die Landgrafschaft Hessen an die Weser heran. Zwischen diesen mittleren oder größeren Territorien versuchten sich zahlreiche kleinere weltliche Herrschaftsbereiche zu behaupten, die aber um 1400 bereits nicht mehr alle existierten.


Die territoriale Gebietsreform und ihre Auswirkungen

Dennoch schritt die territoriale "Gebietsreform" ständig weiter: Nach 1400 gelangten z.B. die Restgrafschaft Everstein, die Herrschaft Homburg, die Restgrafschaft Hallermunt zum Fürstentum Braunschweig-Calenberg und die Grafschaft Sternberg zur Grafschaft Lippe. Die weiteren territorialen Veränderungen vom 16. bis 19. Jahrhundert ließen schließlich immer deutlicher werden, daß die Politik für den territorial zersplitterten Weserraum längst nicht mehr an der Weser, sondern in den von der Weser entfernt liegenden Landeshauptstätten gemacht wurde: 1582 kamen die Grafschaft Hoya und 1585 die Grafschaft Diepholz an Braunschweig-Lüneburg. 1648 wurde schließlich auch Brandenburg (-Preußen) durch den Gewinn des Fürstbistums "Weseranlieger". Aber die Weser wurde deswegen kein Anliegen für Preußen. Die Wirtschaftsinteressen und die Verkehrspolitik dieses Staates bezogen sich im 18./19. Jahrhundert ebensowenig auf die Weser wie die Braunschweig-Lüneburgs bzw. Hannovers, Braunschweig-Wolfenbüttels, Oldenburgs, Hessen-Kassels; wobei alle diese Staaten es jedoch nicht versäumten, an mehr als 20 Zollstellen an der Weser von der Schiffahrt Zölle zu erheben.

Andererseits zeigen das fiskalische Interesse der Uferstaaten an der Weserschiffahrt und die Wahrnehmung von Stapelrechten durch die Städte Münden, Minden und Bremen, daß der Fluß selbst und die Weserschiffahrt den Weserraum trotz seiner politischen Zersplitterung in gewissem Umfang als Wirtschafts- und Verkehrsraum erhalten konnte, solange es keine Eisenbahnen und Kanäle gab, die andere, neue Verkehrsräume und -richtungen schufen.

Der Weserschiffahrt und damit natürlich auch dem Weserraum diente schließlich auch die "Weserschiffahrtsakte", die von den Vertretern aller Weseruferstaaten am 10. September 1823 in Minden abgeschlossen wurde. Der Vertrag trat am 1. Mai 1824 in Kraft; er war das Verhandlungsergebnis der erstmalig am 5. Februar 1821 in Minden zusammengetretenen Weserschiffahrtskommission. Dieser Vertrag verpflichtete alle Anliegerstaaten zu notwendigen Strombaumaßnahmen und zur Sicherung der Schiffahrt auf der Weser. Außerdem reduzierte er die Zahl der Zollstellen auf 9 und hob die Stapelrechte von Münden, Minden und Bremen auf. Die politischen Grenzen deutscher Staaten, die den Fluß - oft mehrfach - querten oder begleiteten, blieben jedoch bestehen. "Es hat niemals einen deutschen Gliedstaat gegeben, der in der Lage und bereit gewesen wäre, für das Weserland als ganzes zu sprechen, erst recht nicht dafür zu sorgen" (Karl Löbe).


Der Weserraum als Einheit

Als Einheit wurden die Weser und der Weserraum dagegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts von der Romantik und ihren Epigonen sowie von der deutschen Nationalbewegung entdeckt. Nun entstehen zahlreiche "Weserlieder", Weserepigramme und Weseransichten. Zu diesen literarischen Produkten gehören z.B. auch 13 lateinische Epigramme auf die Weser, die der Rintelner Gymnasialprofessor Gottlieb Wiß 1825 - gleichsam als Replik auf die Geringschätzung der Ignoranz Schillers - verfaßte und veröffentlichte. Die Inhalte der Epigramme sind für diese Zeit bezeichnend: Die Niederlage des Varus (an der Weser), das von Tacitus geschilderte Volk der Germanen, die Christianisierung der Sachsen, Kloster Corvey, die (niederdeutsche) Sprache des Weserraumes und die Westfälische Pforte. Die deutsche Nationalbewegung entdeckt: ". . . deutsch bis zum Meer, der Weser-Fluß". Auf der "deutschen" Weser fahren bald (1843) Dampfschiffe, die nach "deutschen" Helden benannt sind: "Hermann", "Wittekind", "Blücher" und nicht zuletzt die "Germania". Das Bemühen, mit der Erinnerung an die Geschichte deutsches Nationalbewußtsein zu fördern, setzt sich mit dem Bau von Denkmalen fort: das Hermannsdenkmal, Wittekindsdenkmale, Moltketürme, Bismarcktürme oder -denkmale und schließlich das Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica. Aber dieses 1896 fertiggestellte Monumentalbauwerk war keine Leistung des Weserraumes, sondern der preußischen Provinz Westfalen, die schließlich von mehreren möglichen Standorten für "ihr" Denkmal die Porta Westfalica gewählt hatte.


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